Der Weg ist das Ziel! Interview über die Herausforderungen einer Promotion und das innere Wachstum mit Dr. Kristin Lenk

"Gespräche mit 'Leidensgenossen' haben mir während meiner Promotion sehr geholfen - und Achtsamkeits- und Meditationsübungen. Dadurch habe ich meine Gefühle immer besser in den Griff bekommen." Kristin Lenk

Kristin Lenk hat Angewandte Medienwissenschaft im Bachelor und Medienwirtschaft im Master an der TU Ilmenau studiert. Nach ihrem Master ist sie an der Uni im Fachgebiet Marketing im Institut für Betriebswirtschaftslehre geblieben und hat im Bereich Marketing promoviert. Sie entschied sich für diesen Weg aus Freude am wissenschaftlichen Arbeiten und weil sie sich beweisen wollte, dass sie es schafft. Wie sie mit zu engen Zeitplänen und Druck umgehen gelernt hat und welche Herausforderungen ihr noch begegnet sind, das teilt sie im BriefMe Interview mit Isabell.  

Kristin, warum hast du dich für eine Promotion entschieden? Gab es da einen besonderen Moment, in dem du die Entscheidung getroffen hast?


Schon bei der Bachelor-/Masterarbeit merkte ich, dass mir das wissenschaftliche Arbeiten durchaus Freude bereitet. Wenn ich daran gearbeitet habe, dann war ich immer voll fokussiert und habe die Zeit vergessen. Deshalb kam damals der Gedanke, warum nicht also noch den nächsten Schritt der Promotion gehen, sich so tiefgründig und detailliert wie bisher noch nie, mit einer Fragestellung bzw. einer bestimmten Thematik auseinandersetzen. Abgesehen davon habe ich die Promotion als absolute persönliche Herausforderung gesehen. Es hat mich also total gereizt, ich wollte wissen, ob ich das hinbekomme, mir es sozusagen persönlich „zeigen“.

Wie hast du deine Promotionszeit erlebt?


Alles in allem habe ich meine Promotionszeit positiv erlebt, wenngleich es natürlich auch sehr viele Tiefen gab. Aber das gehört dazu, wenn es einfach wäre, dann würde es schließlich jeder machen. Ich empfand diese Zeit vor allem positiv, weil ich gleichzeitig an einem Lehrstuhl gearbeitet habe und dort sehr im Kontakt mit „Leidensgenossen“ war – der gegenseitige Austausch und die daraus entstandenen Freundschaften haben die Promotionszeit einfach erträglicher gemacht.

Welche Herausforderungen hattest du besonders? Und wie hast du sie gemeistert?


Herausforderung gab es jede Menge. Die ganze Promotion ist eine Herausforderung.Ich habe mich bspw. immer sehr stark selber unter Druck gesetzt, hatte ständig Selbstzweifel oder bin fast verrückt geworden, wenn ich meine Zeitpläne nicht einhalten konnte oder bereits Geschriebenes von meiner Betreuerin komplett auseinandergenommen wurde. Das war zeitweise so schlimm, dass ich kurz davor war, abzubrechen. Ich habe mir dann gesagt, dass ich den langen Weg jetzt schon so weit gegangen bin und die verbleibende Zeit viel kürzer ist als die schon geschafften Etappen. Ich habe außerdem mit Achtsamkeits- und/oder Meditationsübungen angefangen, so habe ich diese Gefühle immer besser in den Griff bekommen. Auch die Gespräche mit meinem Freund, der selber promoviert hatte, und der Austausch mit den anderen Doktoranden haben mir sehr geholfen, denn dann wusste ich, okay, du bist nicht verrückt oder falsch, den anderen ging/geht es auch so.

Was hast du durch deine Promotion gelernt?


Was ich auch erst lernen musste, man kann noch so viel konzeptionell und theoretisch erarbeiten und planen, am Ende, also in der Phase der Datenerhebung kommt sowieso alles ganz anders als man sich vorher in mühseliger Arbeit gedacht bzw. erarbeitet hat. Da habe ich mit der Zeit gelernt, gelassener zu werden, und diese vermeintlichen Hindernisse nicht negativ zu bewerten sondern auch als Ergebnis zu betrachten und aus ihnen zu lernen.

Was war ein Highlight dieser Zeit?


Highlight war definitiv der Tag der Abgabe. Ich konnte es selber gar nicht glauben. Und der Tag der Verteidigung war für mich sehr aufregend und emotional.

Hattest du schon während deiner Promotion einen konkreten Plan, was danach kommt?


Nein, nicht so richtig. Ich wusste allerdings , was ich nicht machen wollte: in der Forschung bleiben und habilitieren. Das kam für mich nicht in Frage.

Was hast du aus deiner Promotion gelernt, das nicht fachlich ist?


Als allererstes: Stück für Stück und Schritt für Schritt denken. Ich habe mich viel zu oft selber kirre gemacht, weil ich an das große Ganze gedacht habe, bei Kapitel 2 schon daran gedacht, oh Gott, was liegt da alles noch vor mir, wie soll ich das alles nur bewältigen. Das kann ich nur jedem raten, denkt wirklich Kapitel für Kapitel, oder noch besser Seite für Seite. Ich habe mir damals ein Zitat (Michael Ende) von der Geschichte Momo ausgedruckt und an mein Whiteboard im Büro gehangen, es könnte treffender nicht sein:

‚Siehst Du, Momo‘, sagte er, ‚es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, die kann man niemals schaffen, denkt man.‘
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort:
‚Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun, und zum Schluss ist man ganz aus der Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem.
So darf man es nicht machen!‘
Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter:
‚Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten.‘
Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte:
‚Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.‘

Der Weg ist das Ziel!

Wenn du heute noch einmal promovieren müsstest, was würdest du anders machen?


Ich würde viel zeitiger das Gespräch mit meiner Betreuerin suchen, ich habe damals viel zu lange versucht, Fragen und Probleme alleine zu lösen. Heute weiß ich, das hätte nicht sein müssen. Man sollte solchen Sachen, auch wenn es sich im ersten Momentan unangenehm anfühlt, direkt und unverzüglich mit den Betreuern klären.

Locker und gelassen bleiben und insgesamt gesehen positiver an die Sache herangehen. Die Promotionszeit ist eh schon hart genug und mit vielen Entbehrungen verbunden, dann sollte man es sich gedanklich nicht noch zusätzlich schwer machen. Ich stand mir oft einfach selber im Weg.

Hast du Tipps für Promovierende, die ähnliche Herausforderungen haben?

 

1. Sich auch immer vor Augen halten: Man ist nicht alleine und man muss seine Sorgen und Ängste auch nicht alleine mit sich ausmachen. Mit jemanden darüber reden, alleine das kann schon Wunder bewirken. Gleichzeitig sortiert man dabei selber seine Gedanken und im Austausch mit anderen, kommt man vielleicht auch auf neue Ideen und Perspektiven.

2. Pausen nicht vergessen! Was habe ich Tage im Büro verbracht bis in die Abendstunden und eigentlich war schon ab Nachmittag klar, das wird heute nichts mehr. Dann sollte man sich wirklich nicht unnötig quälen und dadurch wiederum im worst case in eine negative Gedankenspirale verfallen, sondern eher Schluss machen und dafür irgendwas tun, was den Kopf frei macht, bspw. Sport oder einen Spaziergang in der Natur.

3. Vergesst Zeitpläne. Oh ja! Klar kann man welche erstellen, aber es dauert meistens länger als geplant. Ich kenne aus meinen Kreis der promovierten Freunde keinen einzigen, bei denen Zeitpläne eingehalten worden sind.

4. Visualisieren! Ich habe mir immer den Tag der Abgabe vorgestellt, wie ich im Copyshop bin und die gedruckten Blätter in den Händen halte, zum Buchbinder fahre und dort die Farben des Umschlags etc. aussuche. Auch den Tag der Verteidigung habe ich mir bildlich vorgestellt, wie es ist, wenn die Prüfungskommission mir sagt, „Gratulation, Sie haben es geschafft“ und wie ich danach mit meinen Liebsten anstoße. Dieses Visualisieren hat mir immer ein positives Gefühl verschafft und mich auch zusätzlich motiviert.

 

Danke Kristin für das tolle Interview und deine Offenheit, über deine Promotionszeit zu sprechen. Wir hoffen, damit Mut zu machen und mit Kristins Erfahrung allen Leser*innen Tipps mit auf den Weg zu geben. Wir müssen nicht alle dieselben „Fehler“ machen, sondern können voneinander lernen und unsere Erfahrung miteinander teilen. Du bist nicht allein. 

Hier könnt ihr euch mit Kristin auf Instagram verbinden: zu Kristins Kanal

Übrigens – was macht Kristin eigentlich heute? Kristin arbeitet im Marketing einer Klinik in Thüringen. Dort hat sie auch einen Teil ihrer empirischen Daten für die Dissertation erhoben. Sie arbeitet gerne dort, und ist nebenbei noch als Moderatorin tätig – und geht damit ihrer Leidenschaft nach. 

Hast du noch Fragen an Kristin oder an Wiebke und Isabell? Schreib uns gerne eine E-Mail an: promovierende@briefme-coaching.de

  • Show Comments (0)

Your email address will not be published. Required fields are marked *

comment *

  • name *

  • email *

  • website *

Ads

You May Also Like

Webinar: Du und deine Ziele – beste Freunde!

Lass uns am Donnerstag, 6.9., über deine Ziele sprechen: In einem einstündigen Webinar gibt ...

Sneak Peek ins Coachingprogramm: Zielsetzung mit dem „Rad der Promotion“

Heute möchte ich dir eins der Herzstücken unseres Startguides und unseres Coachingprogamms vorstellen. Der ...